Hane, immer wieder Hane
Samstagabend, das Spitzenspiel läuft: der Tabellenerste zu Gast beim Tabellenzweiten. Ich sitze vor dem Laptop, ab und zu macht mein rechtes Bein eine kleine Schussbewegung, als könnte ich den Ball damit selbst über die Linie drücken. Dabei spielen da nur Kreaturen, die ich vorher aufgestellt habe. Und ab dem Anpfiff bleibt mir nur zuzuschauen und zu hoffen, dass sie verstanden haben, was ich von ihnen will.
Ich bin seit ein paar Monaten wieder Trainer bei Creature Ball.
Kennengelernt habe ich dieses Indie-Spiel im Studium. Es ist ein klassischer Fußballmanager: Man legt Aufstellung, Taktik, Training und finanzielle Angelegenheiten fest und schickt diesen Spielzug als Turnfile an den Spielleiter der jeweiligen Liga. Damals noch per E-Mail. Der Spielleiter verarbeitet alle Turnfiles zu einem festen Termin und schickt die Ergebnisse als Resultfiles wiederum per E-Mail an alle Spieler*innen zurück. Heraus kommt eine Animation des Spielgeschehens – nur dass hier keine Menschen über den Platz laufen, sondern Wesen, die an Ameisen (Eciton), Gorillas (Bogon), Löwen (Marvin), Seepferdchen (Hurtin) und Tintenfische (Okto) erinnern. Programmiert hat es Marcel Jorkisch, der bei videospielgeschichten.de sehr lesenswert über die Geschichte und die Mechaniken seines Spiels erzählt.
Ich habe damals in verschiedenen Ligen gespielt, meine Teams hießen unter anderem »12 Mark pro Nase« und »Vermöbelte Schweden«. Meistens stand zuerst die Idee fürs Wappen, eine kleine PCX-Grafik; weil meine Grafiksoftware die richtige Farbpalette laden und speichern konnte, habe ich auch so manches Wappen für andere Teams gebaut. Aber nur in fremden Ligen zu spielen, hat meinem ebenfalls vom Creature-Ball-Fieber erfassten Kommilitonen Alex und mir irgendwann nicht mehr gereicht. Also gründeten wir unsere eigene Liga: CBall-AS, AS wie Alex und Stefan, mit der »Kreuz-AS« als erster Liga, der »Pik-AS« als zweiter bis hinunter zur »Karo-AS«. Wir haben Pokalbegegnungen im Fachschaftsraum auf Papier ausgelost und Ligatreffen veranstaltet, bei denen wir die Spiele per Beamer auf die Leinwand projiziert haben. Dass ein paar Pixel unter lauter Creature-Ball-Begeisterten zu lautem Jubel führen, das hatte schon seine ganz eigene Magie.
Irgendwann hatte ich keinen Rechner mehr, auf dem das Spiel noch lief. Es gab Emulator-Lösungen, aber die haben das Feuer bei mir nicht neu entzündet.
Neulich kam mir Creature Ball wieder in den Sinn, zuallererst mit dem Gedanken, ob sich so ein Spiel heute nicht vibecoden ließe. Der Code war nie öffentlich, Creature Ball war immer Marcels Projekt geblieben, und das war völlig in Ordnung. Vielleicht könnte ich ja selbst … Zuerst habe ich aber gegoogelt, ob es noch etwas zu Creature Ball im Netz gibt. Und siehe da: Genau diese Idee, das Spiel per Vibecoding als Web-App beziehungsweise mobile Version neu aufzulegen, hatte Marcel nur wenige Wochen zuvor umgesetzt. Ich habe mich direkt angemeldet, das erste private Einzelspiel gestartet und konnte kaum fassen, wie tief die Klicks pro Spieltag noch in meinem Muscle Memory stecken. Weil die neue Version sogar alte Teamdateien einlesen kann, habe ich extra meine USB-Festplatte angeschlossen und alte Backups durchsucht. Nichts, ich habe leider kein Endfile gefunden. Die »Vermöbelten Schweden« bleiben Geschichte.
Halb so wild. In der MUGA-Liga von Marcel habe ich die erste öffentliche Testsaison mitgemacht und einen der vorgeschlagenen Teamnamen behalten: Earth Shakers. Und mir gleich ein Wappen gebaut, diesmal ohne PCX-Datei. Schnell zeigte sich ein Sensationsstürmer: Hane, ein Okto. (Lustig, dass er so ähnlich klingt wie Harry Kane.) Er ist schnell beim Anstoß, läuft mit dem Ball bis zu einer bestimmten Position, schießt – und trifft. Unfassbar regelmäßig, gegen überforderte Gegner wie eine Maschine. Ich fühle mich an die besten Zeiten von Arjen Robben erinnert, der ja auch nur »diesen einen Trick« konnte, der nicht einmal ein Trick war, sondern ein Laufweg. Alle wissen, was kommt, kaum einer kann es verhindern.
Dank 104 Toren von Hane habe ich die Testsaison auf Platz 1 beendet und spiele jetzt in einer der zweiten MUGA-Ligen. Hane zaubert weiter: Nach 15 von 18 Spieltagen steht er bei 157 Toren, der Zweitbeste der Torschützenliste bei 58. In jeder anderen Welt könnte ich so ein Ausnahmetalent keine weitere Saison halten. Hier muss ich aufpassen, zum Saisonende genug Geld auf dem Konto zu haben, um seinen Vertrag zu verlängern.
Natürlich hatte ich auch gleich Alex informiert, zwei Derbys haben wir schon ausgetragen. Im Hinspiel habe ich ihn 14:1 auseinandergenommen, für das Rückspiel hatte er eine Taktik gefunden, Hane im entscheidenden Schussmoment aus dem Spiel zu nehmen. Genau das liebe ich so an diesem Spiel. Am Ende konnte ich auswärts zwar knapp mit 6:5 gewinnen, mit ein bisschen anders gelagerter Wahrscheinlichkeit hätte es auch andersherum ausgehen können. Mein rechtes Bein hat jedenfalls ordentlich gezuckt.
Seitdem freue ich mich diebisch auf Mittwoche und Samstage, da ist Spieltag. Dazwischen spiele ich (zu) viele Testspiele, schiebe Spieler auf andere Positionen mit anderen Laufwegen und Fangradien und schaue, was passiert. In dieser Saison kam zum Beispiel Jakoon neu ins Team, ein Marvin, für den ich lange die richtige Position gesucht habe; im Mittelfeld war er nach jedem Einsatz demotiviert. Bis ich herausgefunden habe, dass er aus der Abwehr heraus mit langen Pässen auf Hane viel besser aufgehoben ist, hat es gedauert. Jetzt sind die beiden ein bisschen wie Robben und Ribéry.
Je mehr Testspiele ich schaue, desto fester glaube ich, die Stärken und Schwächen meiner Spieler zu kennen, ihre Laufwege, ihre Unzulänglichkeiten, um bei einer Verletzung direkt eine neue Taktik griffbereit zu haben. So musste ich diese Saison schon mehrere Spiele mit Mowuo, einem schwachen, aber herrlich brutalen Bogon, in der Abwehr bestreiten. Nominell der schlechteste Spieler der Earth Shakers, aber unfassbar effektiv darin, gegnerische Stürmer immer und immer wieder niederzustrecken, selbst aber Last Man Standing zu bleiben. Das ist schon verrückt: Mit modernen Spielen komme ich oft nicht klar, zu viele Knöpfe, zu viele Screens, zu viel gleichzeitig. Creature Ball ist das Gegenteil, äußerlich fast lächerlich unterkomplex, und trotzdem steckt so unfassbar viel darin, was man hineininterpretieren kann. Ein Großteil des Spiels findet in meinem Kopf statt, nicht auf dem Bildschirm.
Mal schauen, ob das so bleibt. Marcel entwickelt das Spiel ständig weiter, greift Wünsche aus der Spielerschaft auf und baut jetzt auch KI-Funktionen ein, zum Beispiel Co-Trainer Hugi. »Er kennt euren Kader, eure Einstellungen und die letzten Spiele. Hugi ist ein Statistik-Freak.« Eigentlich müsste ich also gar keine Testspiele mehr selbst schauen, denn Hugi lässt einfach 40 Spiele für mich durchlaufen, erkennt statistische Muster und kommentiert die Ergebnisse. Ist das dann noch mein Spiel? Oder glaube ich trotzdem, beim Beobachten meiner Spieler mehr zu sehen als die Maschine? Und gilt das für den Spitzensport in der echten Welt nicht gleichermaßen?
Im Spitzenspiel der MUGA-Liga 2A waren heute jedenfalls die Aggrokekse, der unangefochtene Tabellenführer, zu Gast bei meinen Earth Shakers. Hätten wir verloren, wären wir auf Platz 3 abgerutscht und müssten auf einen Ausrutscher der Blacktown Bears hoffen, um auf dem Aufstiegsplatz zu bleiben. Haben wir aber nicht! 8:4 hieß es am Ende, wir haben die unglaubliche Serie der Aggrokekse nach 26 Siegen in Folge gestoppt. 7 Tore dabei von Hane. Wir haben, nein, ich habe es also selbst in der Hand, die Saison auf Platz 2 zu beenden. Andererseits: Vielleicht wäre eine weitere Aufbausaison in der zweiten Liga gar nicht so schlecht? Damit mein rechtes Bein seltener zuckt, wenn es mal wieder eng wird. ▪