I can make my own apps!
Es fing mit einem Mastodon-Posting an. Harmlos. Ich wollte einfach nur meine abhakbaren To-do-Listen und Notizen, die ich über die Jahre in Trello, Google Tasks, TickTick und wo nicht noch überall gesammelt hatte, an einer Stelle konsolidieren. Idealerweise nicht auf den Servern der US-Großkonzerne, weil ich die Idee der digitalen Unabhängigkeit wahnsinnig attraktiv finde. Also mindestens in Europa beheimatet, vielleicht in einer Managed Nextcloud auf Servern in Deutschland oder auf meinem eigenen Webspace.
Aber eine Notiz-App zu finden, die auf selbst gehostete Daten zugreift, von Europäern entwickelt wurde und sowohl als Web-App als auch unter iOS geschmeidig zu bedienen ist, war trotz aller guten Ratschläge ein Ding der Unmöglichkeit. Nach gefühlt einem Dutzend enttäuschender Installationen hatte ich mich damit abgefunden, dass die Notizen zwar schön in der Nextcloud liegen, ich mich aber gedulden muss, bis das niederländische Entwicklerteam der App, für die ich mich letztlich entschieden hatte, auch meine Wünsche berücksichtigt hat.
Dann las ich eines Samstags diesen Artikel von Matt Shumer, den irgendwie alle gelesen hatten. Und auch wenn die Debatte über seine Zeilen zu Recht sehr kontrovers geführt wird, hatte ich trotzdem das dringende Gefühl, dem Vibe Coding eine zweite Chance zu geben. Geben zu müssen. Nicht für meine App, sondern weil ich nicht abgehängt sein möchte. Meine ersten Versuche im letzten Sommer mit Replit, Cursor, Bolt, v0 und Loveable hatten irgendwie zu keinem vernünftigen Ergebnis geführt, da wollte ich ein kleines Spiel programmieren, was in den Tools zum Teil schön aussah, bis zum Deployment habe ich es aber aus keinem der Tools gebracht. Dieses Mal sollte es Claude Code sein. Pro-Plan abonniert und los.
Zwei Stunden später, verteilt auf mehrere Zeitslots über mehrere Tage, war der Prototyp fertig. Eine echte, funktionierende To-do-App. Mit eigener kleiner Datenbank. Und Funktionen, die ich in keiner installierten App gefunden hatte, sondern jetzt für mich selbst erstellen ließ. Nicht von mir gebaut, sondern mit mir. Dieses Hochgefühl, wenn die eigene Web-App zum ersten Mal im Browser lädt und macht, was sie soll – das ist schwer zu beschreiben. Es gibt ein Seinfeld-Bit, in dem er sagt, dass sich Männer in dem Moment für immer verändern, wenn das erste Kind zur Welt kommt, denn jetzt können sie sagen: I can make my own people! Und wie natürlich sich die Unterhaltungen mit Claude anfühlen. »Hilft es dir, wenn du den Code menschenlesbar kommentierst?« – »Du, ich brauche das nicht. Aber wenn du willst, kommentiere ich ihn für dich. Nötig wäre es aber nicht.«
Ja, da verändert sich gerade etwas.
Zur Strafe für die freche Bemerkung habe ich Claude erst einmal seinen eigenen Code überarbeiten lassen, der nach dem ganzen Stückwerk durch meine häppchenweise vorgetragenen Wünsche nicht ganz so perfekt war, wie er immer tut.
Aber kurz danach blitzt sie natürlich wieder auf, die verdammte Kehrseite der Medaille. Wärmepumpe vor dem Haus, zwei E-Autos, Fotovoltaikanlage auf dem Dach, bloß nicht mit dem Flugzeug reisen – aber der feine Herr verballert in welchem Ausmaß auch immer Energie, um sich seine eigene App programmieren zu lassen. Glückwunsch. Mit dem Tool von einem US-Konzern. Glückwunsch. Und wahrscheinlich basieren die von Claude zusammengestöpselten Zeilen auf Code, den andere geschrieben haben und auf User Interfaces, die andere designt haben. Glückwunsch. Ich weiß nicht, wie ich diese Spannung auf Dauer aushalten werde, die jetzt irgendwie immer mit im Gepäck ist. Hier konkret: Dieser merkwürdige Stolz einerseits, dass ich, kein Entwickler, mir eine App gebaut habe, die genau das tut, was ich will, die auf meinem Server in Deutschland liegt, die meine Daten mir gehören lässt und die ich formen kann wie ich möchte. Und gleichzeitig bringt diese diebische Freude so viele unbeantwortete Fragen mit.
Habe ich gerade einen Schritt nach vorne gemacht oder zwei zurück? ▪