
Jahresrückblick 2020
Absolut, 2020 war in vielen Momenten ein Arschlochjahr. Mein Papa und meine Schwiegermutter sind gestorben, das alleine reicht schon für die Einordnung. Arschlochjahr. Ich habe nach nur sechs Wochen den frisch angetretenen Job gekündigt, weil es anders nicht gegangen wäre. Arschlochjahr, das war nicht der Plan! Wir haben den Sommerurlaub nach Norditalien abgeblasen, und spätestens im Herbst ist mir mental die Puste ausgegangen. Arschlochjahr!! Und dieser ständige Verzicht, weil wir es einfach nicht darauf ankommen lassen wollten, ob Abstand und Maske und varying degrees of Lüften ausreichen: Corona-Arschlochjahr! Aber 2020 haben auch Freunde geheiratet oder Kinder bekommen, ich habe (mit stark erweitertem Suchradius) schnell einen neuen Job gefunden, uns ging und geht es im Vergleich zu so vielen anderen Menschen arschig gut.
Absolut, 2020 war in vielen Momenten ein Arschlochjahr. Einen traditionellen Jahresrückblick hat dieses Jahr trotzdem verdient, gerade auch für die vielen schönen Momente.
Zugenommen oder abgenommen? Ey, wo bleibt die E-Mail von meiner Waage?
Haare länger oder kürzer? Vor allem: Zu Hause in der Dusche schneiden lassen. (Hoffentlich hat Funny van Dannen unrecht.)
Kurzsichtiger oder weitsichtiger? Gleich schlecht.
Mehr bewegt oder weniger? Es wirkt von außen sicherlich befremdlich, mich beim allabendlichen Kreise- und Achtenlaufen in Wohnzimmer und Flur zu beobachten, aber die 10.000-Schritte-Streak ist seit Anfang September ungebrochen. Hinzu kommen zwei Streaks bei Seven mit jeweils mehr als 90 Tagen. (Ich möchte nicht über die drei verlorenen Herzchen sprechen.) Und beides tut mir gut.
Mehr ausgegeben oder weniger? Mehrere große Investitionen (auf Privatpump), trotzdem ist da ein erstaunliches vierstelliges Plus in der Jahresbilanz. Was so ein ausgefallener Sommerurlaub und reduzierte Spritkosten so ausmachen.
Die teuerste Anschaffung? Hätte der Renault Zoe sein können, aber unser Staat ließ ja nicht zu knapp Corona- und Umweltprämien springen. Deshalb geht die Geschichte der teuersten Anschaffung so: Bis Ende März bin ich mit dem Fahrrad zum Bahnhof gefahren, um von dort mit dem Zug zur Arbeit zu pendeln. Da unser Gartentörchen mehr als morsch war und der Seitenweg in den Garten auch nicht wirklich fahrradtauglich, sollte genau dieser Bereich rechts des Hauses neu gemacht werden: Tor, Hecke, Blumenbeete, Pflaster. Eben damit ich nicht jeden Tag das Fahrrad durch das Haus auf die Terrasse tragen muss (oder es gar über Nacht im Wohnzimmer stehen lasse). Aber damit wäre der Eingangsbereich optisch merkwürdig abgetrennt gewesen, und ob man irgendwann noch einmal die gleichen Steine bekommt? Also ein neuer Kostenvoranschlag bis zur Eingangstreppe. Andererseits, wenn man jetzt schon einmal dran ist, sollte man dann nicht auch gleich die Einfahrt machen lassen, zumal der Holzhändler bei der letzten Lieferung die Metallschiene vor der Garage zerstört hatte, die könnte ja auch gleich erneuert werden! Zack, mehr Geld als für einen Kleinwagen versenkt – dafür, dass ich seit April zum Pendeln nicht mehr auf das Fahrrad steige.
Das leckerste Essen? Alpro Dessert Caramel, das Schnitzel zum Vatertag, kanadischer Ahornsirup Grade 4 »Very Dark«.
Das beeindruckendste Buch? »Liebes Kind« (Romy Hausmann), was für eine brutale Erzählperspektive!
Der berührendste Film? Weil mir meine neun IMDb-Punkte für »Schweinsteiger Memories: Von Anfang bis Legende« zu peinlich wären und die neun Punkte für »Parasite« zu platt, küre ich »Eurovision Song Contest: The Story of Fire Saga« zum diesjährigen Gewinner – ein guter Ersatz für den ausgefallenen ESC. (Am häufigsten geschaut habe ich allerdings das Hagebuttenvideo von Schröder-Kim So-yeon feat. Gerd. Es ist perfekt.)
Das beste Lied? Am heftigsten erwischt hat mich »We'll meet again« in der Johnny-Cash-Version – das deshalb auch ganz oben in der Spotify-Playlist steht.
Der beste Podcast? Bei aller Bewunderung für »Das Coronavirus-Update«, hat mich ein ganz anderer Podcast von NDR Info voll ins Herz getroffen: »180 Grad: Geschichten gegen den Hass«.
Die schönste Zeit verbracht mit? Meinen dreien.
Erfreut haben mich? Unsere allabendlichen Sommerferien-Spaziergänge auf die Promenade: 149 Euro für Eis!
Welche drei Erlebnisse haben dieses Jahr besonders geprägt? Papas Tod, der doppelte Jobwechsel, wie unterschiedlich sich Freundschaften entwickelt haben.
Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten können? Alle weiteren Todesnachrichten aus der Verwandtschaft, den ausgefallenen Sommerurlaub, den eingewachsenen Zehennagel.
Drei Dinge, die es im kommenden Jahr viel häufiger geben sollte? Copy & Paste aus 2019: Zeit mit Büchern. Zeit mit Spielen. Zeit mit Genuss.
Träume gelebt? Wünsche erfüllt? Der Kauf eines E-Autos war eine enorm große weil unerreichbar scheinende Wunscherfüllung. Diese Antwort trifft aber leider nicht den Kern der Frage.
Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe? Die Rick-Astley-EP, so aus Vorfreudegesichtspunkten.
Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat? Ich mag mein On-air-Schild sehr.
Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt oder mir geschrieben hat? »Sehr Gut. 10 Fon 10 Punkte.« und »Papa, ich höre einen Podcast auf Spotify. Darf ich das?« und »Prokschi ist eine Insta-Bitch!«.
Welche wichtige Erkenntnis habe ich in diesem Jahr gewonnen? Leider noch nicht, dass eine leere Podcast-Playlist kein erstrebenswertes Ziel ist.
Wofür bin ich in diesem Jahr besonders dankbar? Vernünftige Menschen, wann immer sie auftauchten.
Enttäuscht hat mich? Die fehlende Solidarität allerorten.
2020 zum ersten Mal getan? Poolball gespielt, Mölkky gespielt, Fern-Darts gespielt, eine Wrestling-Maske getragen, ein polizeiliches Führungszeugnis angefordert, eine 180 geworfen, Stockbrot im Garten gemacht, rekuperiert, im Garten übernachtet, Mimosen gepflanzt, einen Inliner-Kurs gemacht, einen Rachenabstrich machen lassen, die Grippeschutzimpfung, Bitcoins gekauft, die Weihnachtsbaumspitze mit Heißkleber angeklebt.
2020 nach langer Zeit wieder getan? Viel Promi-Trash-TV geschaut, geblitzt worden, das WM-Finale von 1990 geschaut, auf einer Hochzeitsfeier gewesen, einen Autounfall gebaut, eine Probezeit bestanden, Tiere beobachtet.
Und was war sonst noch? Die letzten Atemzüge, die Kostümsiegerin, neue Sofas, Super Bowl ist nur einmal im Lehm, die überraschende Ansprache, Hoek van Holland, die Fledermaus an unserer Hauswand, Samstags-Matratzenlager »für die Zeit mit Corona«, Homeschooling, 500 Folgen »Esel und Teddy«, digitales Osterfrühstück, Radio Wissensquiz, ein Abend als Sam, ein emotionsloses Triple, die neue Markisenbespannung, Picknick am Schloss, letzte und erste Schultage, Hartwich und Svarowsky, Beini, Strichlisten, die ausgefallene MiMiMiMi-Lesung, Fugenthymian, mein trauriger Zahnarzt, der Kaminventilator, der Klorollen-Adventskalender, digitaler Heiligabend, die Entdeckung der Exit-Spiele, Sprachnachrichten aka Minipodcasts (zu Silvester auch angeblich betrunken).
Vorherrschendes Gefühl 2020? Unbehagen.
2020 war mit einem Wort? Bedrückend. ▪