Jahresrückblick 2021

Kein Moment beschreibt die innere Zerrissenheit vermutlich besser, von der dieses Jahr geprägt war, als unsere Hinfahrt in den Sommerurlaub. Einerseits unglaubliche Vorfreude, gerade nach der ausgefallenen Reise im Vorjahr. Andererseits ein THW-Rettungskonvoi nach dem anderen auf der Gegenseite der Autobahn, was unsere Fahrt wie eine Flucht in eine bessere Welt wirken lässt. So selig, so bedrückend. Wir müssten die ständige Ambivalenz aushalten, heißt es, müssten unsere Ambiguitätstoleranz besser in den Griff bekommen. Natürlich: Dass es anderen auf der Welt sehr viel schlechter geht als uns, das war schon immer so. Aber die anderen, das können durchaus, plötzlich, realistisch Nachbarn sein. Nicht irgendwer am anderen Ende der Welt, das man so gut verdrängen kann. Sondern auch Freunde, Verwandte, geliebte Menschen. So ist unser Alltagsleben 2021 von ständigem Abwägen geprägt und dem Versuch des Rechnens mit unbekannten Wahrscheinlichkeiten. Trotzdem gibt es ihn, den Jahresrückblick, der aufgeschrieben werden will wie in jedem verdammten Jahr.

Zugenommen oder abgenommen? Ich habe gute fünf Kilo im Lauf des Jahres verloren, aber den Körperfettanteil nicht auf das Niveau drücken können, auf dem er schon einmal war. Spaziergänge sind halt keine verschwitzten Laufbandrunden, aber besser für die Seele.

Haare länger oder kürzer? Grauer – und das weiterhin ohne Frisörbesuch.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger? Nach dem Sommerurlaub war es von einem Tag auf den anderen vorbei: Ich konnte abends nicht mehr vernünftig lesen. Weder Bücher noch auf dem Handy; und einen langen Arm zu machen, während ich die Augen zukneife, ist ja auch keine Lösung auf Dauer. Aber obwohl das Wort »Gleitsichtbrille« ähnlich sexy klingt wie »Bausparvertrag« oder »Frühpensionierung«: Meine Lebensqualität haben die neuen Gläser einfach um ein Vielfaches gesteigert.

Mehr bewegt oder weniger? Mit knapp 3,9 Millionen Schritten sind es dieses Jahr 20 Prozent mehr geworden als im Vorjahr. Diese Steigerung habe ich nicht zuletzt sieben blitzsauberen Monaten zu verdanken, an denen ich jeden Tag mehr als 10.000 Schritte geschafft habe. Ähnlich sieht es mit der Seven-Streak aus. Vorsatz für das kommende Jahr: Vier Millionen Schritte, aber mit mehr Laufband- statt Wohnzimmerrunden.

Mehr ausgegeben oder weniger? Wat fott es es fott. Ein Plusminusleichtimplus-Jahr.

Die teuerste Anschaffung? Irgendwie gefällt mir die Frage nicht mehr. Warum ausgerechnet die teuerste Anschaffung? Das ließe sich doch auch leicht in der Antwort zuvor unterbringen. Aber davon abgesehen: In diesem Jahr waren es die Gläser der Gleitsichtbrillen. (Die Gläser alleine. »Ich brauche nur neue Gläser, keine Typveränderung.«) Unfassbar teuer. Aber ist auch gute Qualität.

Das leckerste Essen? Apfeltarte mit Salted-Caramel-Sauce. Stockbrot am Osterfeuer. Pulled-Jackfruit-Burger. Jedes Essen auf dem Balkon in Cannobio. Ooni-Pizzen.

Das beeindruckendste Buch? »Im Grunde gut« (Rutger Bregman), wobei es eigentlich zu viel herzerwärmender Input auf einmal war.

Der berührendste Film? Am häufigsten gesehen habe ich das Video mit der Wohnungstour (»Kommt mit ... und genießt!«). Acht IMDb-Sterne für eine Dokumentation bekam »Mahlzeit! Hexenküche Lebensmittelindustrie«. Mon dieu, Cordon Bleu; aber wenn man erst einmal weiß, wie wenig die Convenience-Variante mit Fleisch zu tun hat, kann man die vegane Version von Mühlenhof sogar als Essen bezeichnen. Die acht Sterne für einen Spielfilm bekam »Deadpool«. Aber neun Sterne habe ich bei IMDb dieses Jahr nur einmal vergeben: Für »Searching for Italy«. Wenn ich Stanley Tucci wäre, ich hätte alles genauso gemacht.

Das beste Lied? Was war das für ein toller Abend, als ich plötzlich »Scouting for Girls« entdeckt und mich lachend und weinend durch ihre Diskografie gehört habe. Dass mich allerdings P!nk mit »Cover Me in Sunshine« emotional noch heftiger erwischen würde, das kam schon überraschend.

Der beste Podcast? »11 Freunde« von Max-Jacob Ost. Viel besseres Storytelling auf eine solche Strecke geht nicht.

Die schönste Zeit verbracht mit? Meinen dreien.

Erfreut haben mich? So viele Sprachnotizen. So viele gute Gespräche. So viele liebe Zeilen.

Welche drei Erlebnisse haben dieses Jahr besonders geprägt? Die elendige Vorsicht. 24 Stunden ohne Strom – und was wir für ein Glück damit gehabt haben. Der Wechsel zum alten Verein.

Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten können? Die zweite, dritte und vierte Welle. Einfach, um »Big C« auch hier erwähnt zu haben.

Drei Dinge, die es im kommenden Jahr viel häufiger geben sollte? Copy & Paste aus 2019 und 2020: Zeit mit Büchern. Zeit mit Spielen. Zeit mit Genuss.

Träume gelebt? Wünsche erfüllt? Wochenlang bin ich gedanklich um den Ooni Karu 12 herumgeschlichen. Habe mir überlegt, ob ich mich wirklich auch bei Minusgraden in den Garten stellen würde, um Pizza zu backen. Ob das wirklich so ein Gamechanger wäre und ob Pizzastahl nicht vollkommen ausreiche. Wo-chen-lang. Bis ich die zum Jobwechsel ausbezahlten Überstunden in die Hand genommen habe – und keinen Cent bereue.

Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe? Eine Frau meldete sich wegen unseres Bollerwagens, den ich bei eBay Kleinanzeigen eingestellt hatte. Sie würde ihn gerne gleich abholen kommen, sie käme aus Bad Neuenahr. Wir haben im Flur noch getestet, ob in den Bollerwagen auch Wasserkästen passen, denn die müssten sie jetzt im Dorf transportieren. Aber schon als ich bei ihrer Ankunft das schlammüberzogene Auto gesehen hatte und die von Matsch gezeichneten Wanderstiefel, wusste ich, dass sie den Bollerwagen nicht für lustige Ausflüge mit den Enkelkindern braucht. Sie hatte die Scheine schon in der Hand, als ich ihr sagte, dass ich von ihr kein Geld nehmen und sie den Wagen gerne geschenkt haben könne. Ihr kamen nur so die Tränen. Vor Freude, weil sie so viel Solidarität erlebe in der letzten Zeit. Wie grausam, dass dafür erst dein Dorf weggerissen werden muss.

Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat? Mich als Patenonkel auszuwählen.

Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt oder mir geschrieben hat? »Aber Papa, ich weiß doch, dass du immer für mich da bist, du bist doch mein Papa.« | »Papa, du bist eine echt extreme Socke.« | »jetzt ist es so weit du bist schlauer als ich und gehst ziel erreicht.« | »Ich glaube, du bist ja so ein bisschen so ein Jürgen Klopp. Dem war auch bei keinem Wechsel jemand böse und alle würden den zurücknehmen.« | »Aber wenn ich das so sagen darf: du hast eine sehr angenehme Stimme. Ich könnte dir stundenlang zuhören.« | »Sie sehen so aus, als ob Sie Läufer sind.« | »Für mich ist es im Job wichtig, einen Proksch zu haben.«

Welche wichtige Erkenntnis habe ich in diesem Jahr gewonnen? Erlebnisse, Momente und Gedanken handschriftlich festzuhalten, hat eine unfassbar positive Wirkung. Die beste Form dafür habe ich noch nicht gefunden, aber hier ist der Weg das Ziel.

Wofür bin ich in diesem Jahr besonders dankbar? Dass wir es weiterhin gut durch die Pandemie geschafft haben.

Enttäuscht hat mich? Wie wenig man aus Fehlern lernen kann.

2021 zum ersten Mal getan? Eine Festplatte geklont, ein privat gebrautes Bier getrunken, beim Iglubau geholfen, an einer Zoom-Geburtstagsfeier teilgenommen, einen Podcast offiziell beendet, einen Spindelmäher benutzt, Kaffee auf dem Grillrost zubereitet, auf einem SUP-Board gestanden, Asche in einen See verstreut, meinen Ooni angefeuert, Optigrill-Sandwiches zubereitet, meinen Hemdenbügler eingeschaltet, mit Ultraschall geschnitten, dank Simply Piano mit mehr als zwei Fingern Klavier gespielt, einen Bio-Weihnachtsbaum frisch schlagen lassen, bei einem Kneipenquiz mitgemacht.

2021 nach langer Zeit wieder getan? Einen Spaziergang im Schnee gemacht, eine Festplatte in einen Rechner geschraubt, einen neuen Instagram-Account gestartet, auf dem Sofa geschlafen, in einer Jugendherberge gefrühstückt, den Job gekündigt, Stadionwurst beim Bonner SC gegessen, ins Phantasialand gefahren, den Piraten gegeben, eine Urkunde bekommen, den Kölner Dom gesehen.

Und was war sonst noch? Norddeich als Geisterstadt erlebt, das 6-Minuten-Tagebuch geführt (und zwei ungleiche Nachfolger angefangen), »Macht scharf« entdeckt, praktisch keine Erstinspektionskosten gehabt, einen Verwandten als Neu-Meckenheimer begrüßt, Noom durchspielt, zwei Impfungen mit lustigen Fieberträumen und einen Booster bekommen, alle Harry-Potter-Filme geschaut, einen Four-Chord-Song geschrieben, Morgenrunden ohne Hund gemacht, »Wir zwei, ne?« etabliert, über »Keine Maske, kein Dessert« gelacht, einen lang verschobenen Kindergeburtstag unfassbar entspannt in Zülpich gefeiert, Tränen zum Abschied gesehen, eine Hardware-Wallet bestückt, Fotoabende genossen, Chicken-Soup-Raumspray verschenkt, einen nicht ganz so lang verschobenen Lego-Kindergeburtstag gefeiert, LOL geschaut, Job-Telefonate geführt, tagelang in warmen Worten gebadet, die Switch eingeweiht, das Schultaxi gefahren, das Podcast-Familienduell gefeiert, die Bundestagswahl verfolgt, den ins Büro verirrten Vogel in die Freiheit begleitet, einen Tigerschnegel entdeckt, einen Harry-Potter-Geburtstag mit Exit-Challenge gefeiert, ein weiterhin entzündungsfreies Auge bejubelt, 8-Meter-Fontänen bestaunt, unzählige negative Schnelltests gemacht.

Vorherrschendes Gefühl 2021? Verwunderung.

2021 war mit einem Wort? Auszuhalten.