
Jahresrückblick 2022
Ich bin dankbar dafür, wie oft es mir erfolgreich gelingt, globale Krisen im Alltag auszublenden. Natürlich lag ich die ersten Tage und Wochen nach dem 24. Februar morgens in angstvoller Erwartung der 6-Uhr-Nachrichten im Bett – bis die erste Meldung irgendwann wieder zur belanglosen Horse-Race-Berichterstattung geworden war und die Angst der Gewöhnung wich. Die Tagesschau habe ich in diesem Jahr aus Selbstschutz fast gar nicht mehr geschaut, über lange Strecken liefen im Küchenradio reine Musiksender. Die Mobilseite des ARD-Videotexts reicht mir als Nachrichtenquelle vollkommen aus, dazu noch der eine oder andere wochenrückblickende Podcast, die unaufgeregten logo!-Kindernachrichten oder auch mal eine Wochenzeitung im Probeabo. »Covid, guerra, acqua, cos'altro?« Ich weiß, dass mit meinem medialen Rückzug die Kriege, Krisen oder Katastrophen nicht aufhören. Pandemien auch nicht, die werden einfach endemisch.
Aber es gibt eben auch in meinem kleinen, im Vergleich so unbedrohlichen Alltag genug Ereignisse und Entscheidungen, die Zeit und Kraft einfordern. Darunter auch so viele Momente, die lustig sind oder Spaß machen. Darf man die noch vertwittern oder betröten oder auf Instagram teilen? So viele Scheren in Kopf, so wenig Antrieb, jedes Mal abzuwägen und die Entscheidung zu treffen, ob das jetzt mit der bescheidenen Öffentlichkeit geteilt werden sollte; ich glaube, ich musste noch nie so wenig öffentliches Material für diesen Rückblick sichten wie in diesem Jahr. Was ich sagen will: Auch 2022 ist dieser Jahresrückblick – vielleicht mehr denn je – als das zu lesen, was er immer schon war: ein gewöhnlicher Alltagsrückblick.
Zugenommen oder abgenommen? Von Neujahr zu Neujahr steht da ein Plus von 600 Gramm mit einem Spitze-Tal-Wert von 4 Kilogramm. Darin nicht mehr enthalten: 3 Kilogramm Körperfett.
Haare länger oder kürzer? Genau. Wenn sie etwas länger sind, werden sie weiterhin inhouse etwas kürzer gemacht. Manchmal mit Feiertagszuschlag.
Kurzsichtiger oder weitsichtiger? Wunderbare Gleitsicht.
Mehr bewegt oder weniger? Ohne die Ausfälle zum Ende des Jahres wäre ich auf Vorjahresniveau gelandet und hatte sogar geplant, mit Extraschichten auf dem Laufband das anvisierte Ziel von 4 Millionen zum Jahreswechsel zu knacken. So sind es jetzt in Summe 3.687.344 Schritte geworden. Dazu gesellen sich 310 Seven-Trainings.
Mehr ausgegeben oder weniger? Die teuerste Anschaffung? Dass auch dieses Jahr ein Plusminusleichtimplus-Jahr ist, verwundert mich am Ende schon ein bisschen. Ist doch alles teurer geworden! In der Tat: Unsere Lebensmittel- und Drogerieausgaben sind im Jahresdurchschnitt um 14,8 Prozent gestiegen. Wohl dem, der sein Geld auf gedankliche Konten verteilt, etwa das Handwerker-Konto. Denn mit dem dort geparkten Geld haben wir die Haustüre finanziert.
Das leckerste Essen? »Das leckerste Essen ist das, das man auch schmeckt.« (Corona-Weisheit)
Das beeindruckendste Buch? »Das Schicksal ist ein mieser Verräter« von John Green.
Der berührendste Film? 9 von 10 und damit die meisten Sterne bei IMDb habe ich in diesem Jahr für »Encanto« vergeben. Erstaunlich, denn ich erinnere mich neben den imposanten Farben und der einen oder anderen Szene eigentlich nur noch an den, über den man nicht spricht, no, no, no. Ebenfalls 9 Sterne hat mit der ersten Staffel von »The Bear« im Übrigen eine Serie bekommen. Das war Fernsehen wie für mich gemacht.
Das beste Lied? »Zweifel und Zuversicht« von Bodo Wartke.
Der beste Podcast? »Piratensender Powerplay« von Samira El Ouassil und Friedemann Karig.
Die schönste Zeit verbracht mit? Meinen dreien. Immer und immer wieder.
Erfreut haben mich? Unzählige Sprachnachrichten. Milde Verläufe. Kleinste Fortschritte.
Welche drei Erlebnisse haben dieses Jahr besonders geprägt? Infektionen. Urlaube. Drei Millionen.
Drei Dinge, die es im kommenden Jahr viel häufiger geben sollte? Immer wieder schrieb ich hier: Zeit mit Büchern. Zeit mit Spielen. Zeit mit Genuss. Ich lag falsch. Es geht wohl eher um Geborgenheit, Gesundheit und Gelassenheit.
Träume gelebt? Wünsche erfüllt? Ich mache gedanklich einen Schritt zurück, um festzustellen: Es fehlt mir, es fehlt uns an nichts. Das bereits ist ein Traum – und wenn das zwischendurch mal nicht wunschlos glücklich macht, muss ich eben noch einen Schritt zurück.
Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe? Also sowohl Lavendelseife in Eselsform als auch so ein Brokkoli-Weihnachtsbaum-Anhänger ...
Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat? Vertrauen.
Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt oder mir geschrieben hat? »Du hast die allerbesten Pläne.« | »Papa, du hast ein Herz geschwitzt.« | »Du hast schon als Kind in Rheinwerk-Bettwäsche geschlafen.« | »Bitte sag, dass du wieder bloggen wirst.« | »Du bist der allerbeste Familienkoch!« | »Ich finde cool, dass du das hier schreibst.«
Welche wichtige Erkenntnis habe ich in diesem Jahr gewonnen? »I know that the ones who love us will miss us.«
Wofür bin ich in diesem Jahr besonders dankbar? Familie und Freundschaft.
Enttäuscht hat mich? »Wer schreit, hat nicht recht.« Aber leider orientieren sich zu viele immer dorthin, wo es laut ist. Anstatt mit Verstand den klugen Menschen zuzuhören.
2022 zum ersten Mal getan? Das Log1 (bis Ebene 45) gerätselt, Dampfnudeln im Reiskocher gemacht, einen Maibaum gebacken, etwas abkoffern lassen, ein Social Network bereits vor seinem Hype wieder verlassen, Sadri-Reis gegessen, die Wohnung von einem Roboter saugen und wischen lassen, die Insel Lindau bereist, »Noch mal!« gespielt, einen Negroni getrunken, einen Pizzabend für 12 Personen veranstaltet, einen Fahrradschlauch gewechselt, Skymonkeys steigen lassen, ein Reel veröffentlicht, Krabben gepult und gepult, nachts durch einen Schlosspark gelaufen, einen Wattwurm in der Hand gehabt, vor einer Klasse vorgelesen, Vorträgen zur Pubertät gelauscht, Vögel im eigenen Häuschen beobachtet, überzeugend mit einer KI gechattet.
2022 nach langer Zeit wieder getan? Bei »Unsere Stammbaum« viele Tränen verdrückt, Eierlikör-Berliner gegessen, an einer Friedensdemo teilgenommen, Poster bestellt, mit der Work Wife das Büro geteilt, ein Tippspiel gewonnen, Fotos im Fotoautomaten gemacht, Minigolf gespielt, ein Schild mitgenommen, im Zelt übernachtet, eine Austauschschülerin beherbergt, Gummistiefel getragen, zu IKEA gefahren, Guybrush Threepwood gesteuert, »Wetten dass...?« geschaut, Ukulele gespielt.
Und was war sonst noch? Unzählige Sprachnachrichten, der Familiengeburtstag per Videocall, der Parkplatzunfall mit aufgefangener Rückwärtskamera, die Groundhog-Day-Episode, die ausgefallene Jubiläums-Episode und ihr Sequel, das Bettenlager im Wohnzimmer wegen der kaputten Heizungspumpe nach Stromausfall, die »Passion« auf RTL als Familienabend, ein normales Gefäßalter, Einzüge ins Insektenhotel, viel Schnee im April, Isolation im eigenen Haus nach positivem Bürgertest, doppelte Holzlieferungen, Landtagswahl, in Bonn einen Strand entdeckt, Oma und Opa als zugeschaltete Schauspieler im Geburtstagskrimi, ein Frühlingsfest mit Regen, die traurig-schöne Fußball-EM der Frauen, hartnäckiger Teppichkleber auf Treppenstufen, ein Grill-Downgrade, die Ehrlich Brothers in der Kölnarena, das Gerüst vor dem Haus, der Roadtrip, der Gestank in der Ferienwohnung, der Reinfall mit der myCityHunt-App, Tee und Augenlid, der über Wochen erarbeitete Sieg beim Live-Show-Quiz in der KiKA-App, Management-Meetings, Abschlagsanpassungen, REWE-Lieferungen als Normalzustand, der Twitter-Fuckup, Knallerpreise, diese Fußballweltmeisterschaft, Erstcorona, ein bisschen Schnee bei minus 11 Grad im Dezember, der Wellness-Geburtstag, Infekt auf Infekt, Ziti aus der Farmacia, viele Spendenaktionen, jede Menge Exit-Spiele, zahlreiche Oma-Übernachtungen, 31-mal Pfannkuchen.
Vorherrschendes Gefühl 2022? Besorgnis. (Aber siehe oben: Ich kann das recht gut ausblenden.)
2022 war mit einem Wort? Ungerecht. ▪