Jahresrückblick 2024

Es waren ohnehin unruhige Wochen, denn meine Schwägerin lag im Sterben. Jeden Tag erwarteten wir die Nachricht. Der Sommerurlaub rückte näher und mit ihm die Ungewissheit, ob wir an jenem Tag hier vor Ort oder in Italien sein würden, ob wir die zwei Wochen überhaupt (ganz) in den Ferien verbringen könnten, ob wir nicht Dinge in Deutschland regeln müssten. Mitten in diese Ungewissheit hinein starb meine Mama plötzlich und unerwartet. Am 29. Juni stellte sich das Jahr auf den Kopf. Meine Schwägerin starb wenige Tage später. 2024 habe ich geweint wie wohl noch nie. Verlor mich in meinen Gedanken oder war nicht in der Lage, überhaupt zu denken. Ein schicksalhaftes Jahr für unsere Familien, über das alle ihre ganz eigene Geschichte, ihre eigenen Geschichten erzählen. All die persönlichen Fragen, die ich mir hier im Blogdings am Ende eines Jahres stelle, kann ich aber auch 2024 beantworten. Wie in jedem verdammten Jahr.

Zugenommen oder abgenommen? Ab der Jahresmitte, sagt die App meiner Waage, macht die Gewichtskurve einen sichtbaren Knick nach oben. (Plus 2,6 Kilo von Jahresanfang zu Jahresende.) War da Mitte des Jahres etwas?

Mehr bewegt oder weniger? Ab der Jahresmitte, sagt der Jahresrückblick von Seven, habe ich nur noch halb so viele Workouts pro Monat gemacht wie im ersten Halbjahr. (Ich bin einfach nur noch spazieren gegangen, habe keine anderen mehr Trainings gemacht.) War da Mitte des Jahres etwas?

Haare länger oder kürzer? Same same.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger? Zwei Dinge sind bemerkenswert: Ich habe mich in diesem Jahr für eine neue Brillenform entschieden und für meine erste Bildschirmarbeitsplatzbrille. Geschrieben mit unglaublich scharfem Blick.

Mehr ausgegeben oder weniger? Die teuerste Anschaffung? Das war ein teures Jahr. Erst wollte im Frühjahr das Haus komplett gedämmt werden, dann die alte Ölheizung im Herbst einfach nicht mehr anspringen. Vermutlich haben wir auch versucht, mit positiven Erlebnissen emotionale Pflaster auf die Wunden zu kleben, die dieses Jahr hinterlassen hat. Das alles ging ins Geld. Die mit Abstand teuerste persönliche Einzelanschaffung war dabei die neue Brille.

Das leckerste Essen? Die Super-Bowl-Snacks, die Pizza in Bern, der Rahmkäse vom Markt, der Kaviar in Damme, der Shi-Spezialteller, Mälzer&Fu Nutty Corn Flakes Milk, das DJH-Resort-Buffet, die Kindergarten-Kürbissuppe, Flower Sprouts.

Das beeindruckendste Buch? Bei nur elf gelesenen Büchern in diesem Jahr war die Auswahl nicht groß. »Dein Fortsein ist Finsternis« von Jon Kalman Stefansson, »Kein guter Mann« von Andreas Izquierdo und »Dschungel« von Friedemann Karig haben mich aber alle beeindruckt.

Der berührendste Film? »Die statistische Wahrscheinlichkeit von Liebe auf den ersten Blick« hat bei mir alle Emotionen wachgekitzelt. Danke, liebe Kulturpessimist*innen, für den Tipp dazu in der Jahresabschlussgala 2023.

Das beste Lied? Die Kinder haben am schönsten zu »Belong Together« von Mark Ambor im Auto mitgesungen. Wenn auf Cadena 100 »Nunca volverá« von El Sueño de Morfeo lief, zog das mein Ohr magisch an. Beim ESC-Vorentscheid hätte ich »Katze« von Galant nach Malmö geschickt. Spotify behauptet, »The Code« von Nemo sei mein Lieblingslied gewesen. WDR 2 hat mir »Simple Life« von Leony während der Europameisterschaft ins Hirn gedudelt. Gut unterhalten hat mich die Tatsache, dass Matthias Schweighöfer und The Mighty Winterscheidts tatsächlich »Fazzoletti« produziert haben. Bei Jeck im Sunnesching hat mich Kasalla mit »Immer noch do« eiskalt erwischt. Genauso auch »Never gonna give you up« in dieser einen Gitarrenversion. »Best Time of the Year« von Nick & Simon erwärmte mein musikalisches Herz zuverlässig in der Vorweihnachtszeit.

Der beste Podcast? »Die Elefantenrunde« mit Lily Preßler und John Allen zeigt mir seit diesem Jahr regelmäßig, was ganz tief im Hinterstübchen abgespeichert ist. »Strangers on a Bench« von Tom Rosenthal mag ich als Format unfassbar gerne, ebenso »Schreiben & Schreddern« von Marc-Uwe Kling. In die vorderen Ränge meiner regelmäßig gehörten Politik-Podcasts hat sich mit Leichtigkeit »Politik mit Anne Will« gespielt.

Die schönste Zeit verbracht mit? Meinen dreien. Immer und immer wieder. Dieses Jahr umso mehr.

Erfreut haben mich? Die Menschen, die uns live auf der Außenbühne bei Podstock zugehört, zugesehen und applaudiert haben, als wir die 750. Episode von »Esel und Teddy« aufgenommen haben. Das war ein Highlight unserer Hobbykarriere.

Welche drei Erlebnisse haben dieses Jahr besonders geprägt? Der eine Todesfall, der andere Todesfall und die zahlreichen Geräuschkulissen von Handwerkern.

Drei Dinge, die es im kommenden Jahr viel häufiger geben sollte? Vor dem Verfassen des Jahresrückblicks gibt es immer diesen schrecklichen Moment, in dem ich mit diesem WordPress-Dings unglücklich bin. Da lauern zig Aktualisierungen von Plugins, es gibt ein Cookie-Banner, obwohl ich eigentlich gar keine Keksdose für fremde Kekse aufstellen möchte, und was es nicht sonst alles zu bedenken und abzusichern gibt, wenn man eigentlich nur kurz mal was ins Internet schreiben möchte. Mir fiel ein, dass Denis das irgendwie schlank gelöst hat, wir chatteten ein bisschen in Mastodon-Privatnachrichten, technisch hat er das alles hier zusammengefasst. Im Anschluss gab es dann diese zwei Stunden, in denen ich Software auf meinem Webspace installierte, ausprobierte, verwarf, technischen Voodoo ohne den Hauch einer Ahnung vollzog, Datenbanken löschte, in Anleitungen versank – zwei Stunden der ungebremsten, nicht hinterfragten Zerstreuung. Die taten unglaublich gut, die fühlten sich so an wie früher. (So ähnlich waren auch die vier Stunden im Garten, als ich meine Fähigkeiten im Iglubau zu perfektionieren versuchte. Oder die drei Stunden, in denen ich in Suno versank und aus Versehen ein neues Podcast-Intro entstand.) Von diesen Momenten hätte ich gerne viel mehr im kommenden Jahr; wieder drei sind für den Anfang aber auch okay.

Träume gelebt? Wünsche erfüllt? Irgendwie war es nicht das Jahr dafür. Aber vom Heizöl befreit zu sein, habe ich mir schon lange gewünscht.

Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe? Vielleicht, dass ich zufällig im richtigen Moment da war. Sie wird es mir aber nicht beantworten.

Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat? Die Ansprache beim Auferstehungsgottesdienst.

Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt oder mir geschrieben hat? »Da merkt man einfach, wie hochgebildet du bist. Dann doch.« | »Hallo, da werd' ich ja ganz feucht im Schlüpper!« | »Halte ich gerade dich fest oder du mich?« | »Dein Vater war ja schon bekloppt, aber nicht so sehr wie du.« | »Wenn ich Ihnen das so sagen darf: Sie sehen richtig beschissen aus.« | »Ich glaube nicht, dass wir so lange befreundet sein sollten.« | »Du bist ein begnadeter Herumlaberer.« | »Wie soll ich Ihnen das jetzt erklären? Sie sind ja nicht vom Fach.«

Welche wichtige Erkenntnis habe ich in diesem Jahr gewonnen? Wie viele Gedanken bei mir immer unbewusst mitliefen. Mitlaufen.

Wofür bin ich in diesem Jahr besonders dankbar? Jedes einzelne tröstende Wort, auch die unausgesprochenen.

Enttäuscht hat mich? Das Schicksal in seiner Schicksalhaftigkeit. Das lässt sich doch besser dosieren, mein Freund.

2024 zum ersten Mal getan? Die Wohnung in der Adenauerallee besucht, Pitpat gespielt, die Minus-20-Grad-Jacke getragen, die Feuerschale im Schnee aufgestellt, Schloss Arenfels besucht, Chili con Grilli gegessen, Quinoa-Croissants gegessen, ein Kehrwieder üNN IPA getrunken, mit der Boombox im Rollator am Straßenrand gestanden, das Haus einrüsten lassen, Cavalluna gesehen, die Energie von Herrn Schröder erlebt, ein Barcamp besucht, zum Tagebau Hambach gefahren, den Flying Fox gemeistert, einen Duolingo-Streak gestartet, eine verschimmelte Dartscheibe entsorgt, den Keller entfeuchtet, im Bällebad von EmotionAir abgetaucht, Pinsa gegessen, einen Friedwald besucht, nach Bern gefahren, den Autoverlad genutzt, einer Giraffe im GaiaZOO in die Augen geschaut, ein Foto mit dem OBI-Biber geschossen, in einem Holzfass geschlafen, ein Fangirl-Foto unterschrieben, bei einem Live-Hörspiel mitgemacht, Knochenschallkopfhörer getragen, Benjamin-Blümchen-Torte gegessen, von der Polizei abschleppen lassen, die Buchmesse in Frankfurt besucht, mit 7% Zoe-Akku angekommen, Dieter Falk live gesehen, Truck Stop live gesehen, Mystery-Boxen geshoppt.

2024 nach langer Zeit wieder getan? Einen vierstöckigen Schneemann gebaut, im Büro gefrühstückt, gegen rechts demonstriert, Tom Odell live gesehen, eine Osternacht besucht, Depeche Mode live gesehen, im Nyx gewesen, den Sommernachtstraum gesehen, alleine im Restaurant gegessen, eine Warnweste getragen, Ghosting, Thomas Gottschalk live gesehen, die Veranda beleuchtet, einen Weltmeister abgeklatscht, Boppin' B. live gesehen, mit Bus und Bahn zur Arbeit gefahren, in einer Vollsperrung gestanden, Puerto Patida besucht.

Und was war sonst noch? Der Katapult-Tageskalender, Luke Littler, die Harry-Potter-Ausstellung, Briefe an Abgeordnete und Minister*innen für das Demokratieförderungsgesetz, der Spaziergang durch Ehrenfeld, die stolze Halbmillionärin, der Hund im Haus, die Rheinfahrt zum Geburtstag, abdunkelnde Fensterfolie, der Schnauzbart im Himalayak, zig gefangene Mäuse, die Schafherde am Rhein, das Camp, viele Tassen Kaffee in der Blauen Welle, die großartige Abenteuergolf-Anlage, die unterhaltsame Bürger*innenversammlung, die überdimensionale Murmelbahn, WSMDS-Binge-Watching, Minderleistung auf der PV-Anlage, Mäandern, die unwirkliche erste Woche in Cannobio, alle Matrix-Filme am Stück, die Nachmieterin, die Videoerkenntnis im Phantasialand, Duell der Gartenprofis und Bares für Rares, Wassertablette, die henkelrot-Reunion, die Sorgen um die Gesundheit von Freund*innen, die Musiker beim Sommerfest in Hannover, die perfekte Holzlieferung, die Chorprobe durch Heidelberger Fenster, die rabiate Wohnungsauflösung, die Gespräche am Lagerfeuer, die nachgefüllte Wurzelfüllung, die dritte Staffel von The Bear, die netten ADAC-Mitarbeiter, der piepsende Ford, die Kettcar-Panne, der Sheriff an der A31, die kleine Lade-Odyssee, der blaue Zeh, die erste Staffel von Poker Face, der Ausbau der Ölheizung, der Einbau der Wärmepumpe, die erste Niederlage, ein neuer Roborock, die Bürolampen, Wichtelgeschichten, das Geschenk in der L'Osteria Piccola, das taz-Abo, die Seven-Tests, Dorfromantik, unzählige Sprachnachrichten, 4.102.783 Schritte.

Vorherrschendes Gefühl 2024? Seelenschwere.

2024 war mit einem Wort? Unbegreiflich.