Mann mit grauem Haar, dunkler Sonnenbrille und pinkfarbenem Sakko singt leidenschaftlich in ein Mikrofon vor schwarzem Hintergrund, grünes Bühnenlicht fällt von oben. In den Brillengläsern spiegeln sich Handylampen. (Foto von Don Clemente)

Mehr braucht es wirklich nicht

Das vereinbarte Stichwort war, dass Herr Müller fragt: »Singen?« Dann startet Leni auf dem Laptop die Instrumentalversion des ersten Songs. Zwei Takte Klavier, die ich seit Februar bestimmt hundertfach gehört habe. Und es geht los. Ich stehe auf und singe die erste Zeile ins Mikrofon. Live, solo, vor Publikum. Warum denn nicht, stell dir mal vor!

Das habe ich vorher noch nie gemacht.

Vor drei Wochen haben wir für »Esel und Teddy« eine Musical-Folge aufgenommen. Samstagabend auf dem Podstock-Wochenende vor dem größten Live-Publikum, das uns je zugehört hat. Wir sind doch gemacht dafür. Ein in seiner Vorbereitung intensiveres Projekt hatten wir auch noch nicht. Angefangen haben wir etwa vor einem halben Jahr: erste Tests in Suno, ob überhaupt musicalartige Musik entstehen kann. Grobe Story im Winter – entlang des Aufbaus aus Exposition, Solo-Songs von Esel und Teddy, Eskalation, Erkenntnis der Dea ex Machina und Finale. Herr Müller und ich schrieben je drei Songtexte bis Karneval, an Weiberfastnacht habe ich die finalen Versionen mit Musik erzeugt. Und ab dann habe ich die Songs gesungen, immer und immer wieder gesungen, mit den Gesangsspuren, die Leni für uns von der KI-Halluzination befreit und vereinfacht hatte. Im Auto, auf dem Laufband (mein selbst ausgedachtes Kurzatmigkeitstraining); vielleicht habe ich mich bei manchem Spaziergang umgeschaut und, wenn niemand zu sehen war, »Ihr macht die Handylampen an« über Feldwege geschmettert. Ich erinnere mich auch noch gut an die Autofahrt, in der meine Konzentration wie so häufig plötzlich voll auf den Straßenverkehr wandern musste – rote Ampel, Spurwechsel, so etwas – und ich beim Gesang nicht abgesetzt habe, weil die richtigen Silben trotzdem einfach aus meinem Mund purzelten. Ein irres Gefühl, so als ob dieses Musical plötzlich fest in meinem Körper verankert sei.

Das auf Podstock aufzuführen, ist ein Safe Space. Alle wollen, dass wir singen. Es gibt nicht viele Orte, an denen man Dinge ausprobieren kann, die schiefgehen können, ohne dass es Konsequenzen hat – bis auf die Konsequenz, um eine Erfahrung reicher zu sein. Und mit Herrn Müller zusammen sowieso, dafür machen wir diesen Quatsch doch all die Jahre zusammen. Letztes Jahr sind wir grandios beim PowerPoint-Karaoke gescheitert. (Ich habe erst im Schnitt der damaligen Folge gelernt, woran es lag: Wir hatten die einfachste Impro-Comedy-Regel »Yes, and« nicht beachtet. Weil wir keine Improprofis sind. Aber wir haben durchgezogen und gemeinsam mit unseren Hörer*innen gelacht.) Und trotzdem, vielleicht gerade deshalb war es mir unfassbar wichtig, dass wir mehr Arbeit in dieses Musical stecken als in irgendeine reguläre Episode. Denn dass Esel und Teddy keine Sänger sind: geschenkt. Aber dass man uns die Leidenschaft für das Projekt anmerkt, den Aufwand und die Liebe und den Blödsinn, die investiert wurden: Das sollte man spüren. Nicht nur für uns, sondern auch für Leni.

Überhaupt: Leni. Leni Bohrmann. Sie ist Künstlerin, Profi und glücklicherweise unsere Hörerin; und wir hätten uns niemanden Besseres wünschen können, uns durch dieses Abenteuer zu begleiten, das schließlich auch ihre Idee war. Nur durch sie wurde diese Musical-Episode etwas, das sich von Anfang bis Ende richtig angefühlt hat. Fette Show und Lichtermeer. Nicht nur, weil sie Vollprofi in jeder Situation war, sondern gleichzeitig auch menschlich sehr mit uns auf einer Wellenlänge ist. (»Teddy. Entspann dich.«) Sie hat ihr Musicalwissen und ihre Musicalliebe mit uns geteilt, die Songs für unsere Bedürfnisse arrangiert und versucht, es uns so leicht wie möglich zu machen. Sie hatte das Bild für den Auftritt von Anfang an vor Augen und wusste genau, wie wenig es braucht, um ein maximales Resultat zu erzeugen. An welchen Stellen es genug ist und wo man noch mehr Glitzer streut. Es hat so viel Spaß gemacht, ihr beim Arbeiten zuzuschauen.

Trotzdem hatte ich, je näher der Auftritt rückte, ein Gefühl, das ich von Mathearbeiten her kenne: Es gibt nur falsch oder richtig. Jeder Song läuft in seinem Tempo, ich singe die richtigen Worte zur richtigen Zeit – oder eben nicht. Was ich aber auch aus der Schulzeit kenne: Ich sehe das Aufgabenblatt und schalte auf Automodus. So war das hier auch. Ich höre die oben skizzierten ersten zwei Takte, und ab da war ich im Freiflug. Das war doch immer schon mein Traum. Der Kopf ausgeschaltet, einfach nur mittendrin. Der Blick in lächelnde Gesichter. Die Handylampen im Halbdunkel. Das Lachen an den Stellen, für die wir einen Witz geschrieben hatten. Das Schluchzen bei der Eskalation. Ich habe zwar auf den Notenständer mit den Texten geguckt, aber eher aus Spickzettelreflex, denn ich habe ihn nicht gebraucht. Und dann der Schlussapplaus und die Anspannung fällt ab. Wie man das ausreichend beschreiben kann, dass einen ein Publikum durch eine Situation trägt, in der man weit außerhalb der eigenen Komfortzone ist – ich habe keine gute Antwort darauf. Ich weiß nur, dass es so war. Und dass dieses Gefühl jetzt wirklich ganz tief in mir verankert ist.

Danke, Herr Müller! Danke, Leni! Danke, Podstock!

Ob es irgendwann aufhört, dass ich mit einem Musicalsong im Kopf aufwache oder mich eine Zeile plötzlich überrascht: Ich glaub nicht, dass das funktioniert. Mitten im Alltag schießt Text in meinen Kopf, weil irgendjemand irgendetwas sagt. Die Phrasen tauchen auf, wo sie nicht hingehören, und passen trotzdem immer. Dann habe ich schlagartig ein breites Lächeln im Gesicht. Liebe und Blödsinn: Mehr braucht es wirklich nicht! ▪

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