Spotify-Now-Playing-Screen für den Track »Das funktioniert – Live« von Esel Müller und Teddy Krzysteczko, Laufzeit 3:14, noch nicht gestartet. Das Album-Cover füllt den Großteil des Bildschirms.

Was ist eigentlich richtige Musik?

Heute ist Release Day des »Live-Albums« unseres Esel-und-Teddy-Musical-Auftritts, angemeldet auf einem guten Dutzend Musik-Streaming-Plattformen. Ich wollte einfach wissen, wie das ist, einen Song zu veröffentlichen – in diesem Fall gleich sieben als Album. Wie fühlt sich das an, finden andere diese Musik durch die Songtitel oder die Algorithmen, was passiert da? Mit dem netten Nebeneffekt, dass sich unsere Podcast-Hörer*innen ihre Lieblingssongs auf eine Playlist ihrer Wahl packen können, ohne dafür immer an die richtige Stelle im Podcast springen zu müssen. Also zumindest ich empfinde das als netten Nebeneffekt.

Und schnell standen wir, schnell stand ich wie so oft in letzter Zeit im Gegenwind: KI-generierte Musik habe ja ohnehin keine Existenzberechtigung. Und auf Plattformen wie Spotify schon einmal gar nicht, weil die Musik auf halluzinierten Akkordfolgen und geklauten Instrumentierungen basiere, ohne dass ein Mensch musikalische Entscheidungen treffe. Diese Musik auf Spotify hochzuladen stelle sie mit echter, von Menschen geschriebener Musik in eine Reihe und verwässere damit das echte musikalische Angebot. Ich verkürze hier, Toby erklärt das in seinem Haltungsblock sehr differenziert.

Ich verstehe die Argumente. Von einer »polierten Studioaufnahme« unserer Songs, die wir eigentlich geplant hatten, haben wir dank Lenis Einwand, dass sie dem Livespektakel nichts hätte hinzufügen können, zum Glück Abstand genommen. Aber die Aufnahmen vom Auftritt zu veröffentlichen, da knirscht bei mir nichts, weil mir das überhaupt nicht wie KI-Musik vorkommt. Die Texte sind von uns, die Stimmen sind unsere, das Drumherum mit dem Publikum sowieso. Aus Suno kam nur das, was wir selbst nie hätten leisten können: die Musik darunter. Und selbst die haben wir nach unseren Vorstellungen von Stil, Musikalität, Tempo und Rhythmik gepromptet, selbst hier ist also ein kreativer Prozess involviert gewesen. Der KI-Anteil am Album ist in meinen Augen minimal, ganz anders als bei vollständig generierten Studio-Produktionen mit Fake-Stimme und glattgepitchtem Sound auf Knopfdruck. Die schlimmstenfalls zur Verbreitung von rechtem Gedankengut auf die Plattformen gespült werden oder aus rein kommerziellem Interesse – Dr. Pop dröselt das toll für die Timmy-der-Wal-Songs auf (und lustig genug, dass eine Wrecking-Ball-Anspielung darin vorkommt). Und wenn auf Spotify sowieso schon zu einem großen Anteil KI-Musik zu hören ist, verschiebt unsere Hobbyaufnahme mit echten Stimmen doch nichts?

Oder geht es hier gar nicht um KI, sondern um Musik? Weil Musikgeschmack oder Musikempfinden eine ganz eigene Empörungsklasse bietet – vielleicht, weil sie so direkt ans Gefühl geht; vielleicht, weil viele eine sehr klare Vorstellung davon haben, was »echte« Musik ist und wer sie machen darf. Das haben wir bei Esel und Teddy ja auch schon vorher erlebt, wenn ich daran denke, wie unsere KI-generierte Intromusik die Hörer*innenschaft gespalten hat wie es sonst nur Pizza Hawaii schafft. Komplette Ablehnung auf der einen Seite (und die Cowboymusik war sowieso besser); ein mitsingendes Publikum bei unserem 18. Geburtstag auf der anderen. Heutzutage wird bei einem neuen Podcast-Intro sogar extra erwähnt, dass es nicht KI-generiert ist, Zwinkersmiley.

Aber was ist denn dann echte Musik? Und hatte nicht jede Generation ihren »Das ist keine richtige Musik«-Moment: beim Synthesizer, der Drum Machine, bei Samples, die sich an Aufnahmen anderer Künstler bedienen, beim Autotune, das aus jedem schiefen Ton einen Hit macht, bei GarageBand-Loops? Und jetzt verschiebt sich die Linie eben durch KI-Tools weiter.

Als ich mehr darüber gelesen habe, bin ich über einen bekannten Namen gestolpert: Brian Eno. Den kannte ich bisher von den »Oblique Strategies«, diesen Kreativitätskarten, zu denen wir eine Esel-und-Teddy-Folge gemacht haben. Eno hat schon 1979 einen Vortrag gehalten, der heute fast prophetisch wirkt: Das Tonstudio selbst ist ein Instrument, und wer kein Musiker im klassischen Sinne ist, kann damit trotzdem Musik machen. Und heute: Eno ist neugierig und experimentierfreudig, was KI-Musik angeht, hat von KI-Tools auch »Songs im Stil von Brian Eno« erzeugen lassen. Nüchtern bewertet er den aktuellen Output allerdings als »chasm of mediocrity«. (Point taken. Herzlichst, ihr Hobbyist.) Sein schärfster Punkt aber ist ein anderer: »The biggest problem about AI is not intrinsic to AI. It's to do with the fact that it's owned by the same few people.« Und ich ergänze: wer daraus Profit schlagen will.

Insofern bin ich weiterhin der Ansicht, dass das Veröffentlichen der Musical-Songs auf Streaming-Plattformen okay ist. Denn mir geht es nicht um Profit. Ich habe die Entscheidung für ein Label nicht nach »schnell und billig« oder gar nach Ausschüttung getroffen, sondern extra eines in Europa gesucht, damit wir bei allen zukünftigen rechtlichen Entscheidungen zu KI-unterstützter Musik keinem US-Recht unterliegen. Und bin bei iMusician in der Schweiz gelandet, weil sie einen eigenen Kodex haben, was den Einsatz von KI-Musik angeht:

»Wir akzeptieren keine komplett KI-generierten Songs zur Distribution – zum Beispiel solche, die ausschließlich mit Tools wie Suno oder Udio erstellt wurden. Du kannst KI-Tools gerne als Teil deines kreativen Prozesses nutzen, aber der finale Track muss einen bedeutenden menschlichen Beitrag enthalten. Vollautomatisch generierte Musik wird abgelehnt.«

Und sie bedienen auch Plattformen jenseits von Spotify; für mich passend, damit auch diejenigen, die die großen Plattformen aus weiteren guten Gründen meiden, unsere Songs hören können.

Damit das alles nicht falsch klingt: Ich will die Kehrseiten der KI-Debatte nicht ausblenden. KI-Slop, der Plattformen zumüllt. Rechtspropaganda mit Knopfdruck-Hits. Stimmen und Songs, die ohne Einwilligung zum Training verwendet wurden. Pseudokünstler*innen, die mächtig Tantiemen einsacken. Stromverbrauch. Konzernmacht. Alles richtig schlimm. Aber das sind andere Themen, die nicht als Whataboutism herhalten sollten, wenn ich versuche, in einer kaputten Welt eine gute Entscheidung zu treffen.

Apropos: Als ich unser Album heute auf Spotify öffnete, entdeckte ich den Bereich »Ähnlich wie Teddy Krzysteczko«. Mir wird das Video einer Schweizer Sekte angezeigt, deren Musik absichtlich harmlos klingt, um sie als Rekrutierungsinstrument zu nutzen. Fuck, ihr könnt mich echt alle mal, ich will doch einfach nur Liebe und Blödsinn in die Welt tragen. ▪

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